Es gibt immer wieder Menschen, die nicht im Internet zu finden sind.
Sie haben ihr Wissen und Können weitergegeben, doch an sie selbst existieren nur die Erinnerungen der Zeitzeugen. Mit jeder weiteren Generation geht die Erinnerung weiter verloren.
Dieses Thema soll Herrn Herbert Begerow gewidmet sein.
Ich traf Herrn Begerow ca. Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal. Damals war er bereits 73 Jahre alt.
Er gehörte zur Kriegsgeneration und hat den 2. Weltkrieg aktiv miterlebt.
Seine Liebe zur russischen Sprache entstand, als er damals als Deutscher in ein russisches Gefangenenlager kam und es erst nach vielen Jahren wieder verlassen konnte. Seine zweite Lieblingsfremdsprache war Französisch.
Als Musiker kannte er sich hervorragend mit Streichinstrumenten und Orchesternotation aus. Er unterrichtete u.a. auch Violine.
Als Instrumentenbauer hatte er auch immer einige Tipps zur Hand, wie man z.B. selbst, mit einfachsten Miteln, Ersatzteile für Streichinstrumente herstellt.
Als "kleines Universalgenie" hat er schon in den 80er Jahren eine Möglichkeit erfunden, damit man ein Keyboard mit einem Fußbass steuern konnte. Lange bevor es ditigale Technik und MIDI gab, war es also schon möglich, zweihändige Melodien zu spielen, während der Fuß die Begleitung steuerte.
Vom Bauprinzip her war sie eigentlich genial einfach konstruiert und auch genauso einfach zu handhaben:
Man setzte auf den Begleitbereich einen Aufsatz. Dieser enthielt Magnetkontakte, die bei Auslösen die entsprechende Taste herunter drücken. Als Fußsteuerung diente eine einfaches 1 Oktaven-Pedal, das mit der Vorrichtung elektrisch verbunden war.
Ich habe den Prototyp damals gesehen und getetstet. Er wäre DAS Zubehör für jedes Keyboard gewesen .. zu einer Zeit als ein Keyboard noch als "transportable Hilfsorgel" angesehen wurde und noch keine eigene Instrumentengattung darstellte.
Mit etwas "optischem Feintuning" und Miniaturisierung war es ganau DAS was damals fehlte und von Musikern gesucht und nachgefragt wurde.
Er hat diese Erfindung dem Musikinstrumentenhersteller YAMAHA angeboten. Der zeigte sich aber nicht interessiert und Herrn Begerow fehlten die nötigen Mitel, um das Produkt bis zur Marktreife und Massenproduktion weiter zu entwickeln und zu vertreiben
Wieder eine Erfindung, die in der Schublade verschwand.
Als Menschenkenner und Verkäufer konnte er diverse Lebenerfahrungen bieten.
So hat er an folgendem Beispiel gezeigt, dass Käufer immer noch den Spruch "Was nichts kostet, taugt auch nichts" verinnerlicht haben.. und davon auch "bei klarem Verstand" nicht abweichen wollen.
Ein Instrument, das sich trotz Preisermäßigung partout nicht verkaufen lassen wollte. Mittlerweile wurde es zu 10% des UVP angeboten, fand aber immer noch keine Käufer.
Zitat.....Was nichts kostet, taugt auch nichts .. + .. was teuer ist, ist gut ...
"Wisst ihr was ? Wir geben dem Instrument jetzt mal einen völlig anderen Namen. Es ist so einfach zu spielen.. da kann doch jeder mitmachen = Jekamima"
(Jekamima = jeder kann mit machen)
Danach wurde das Instrument wieder mit dem normalen Katalogpreis ausgezeichnet und ins Schaufenster gestellt.. und.. siehe da ... schon in den ersten Stunden fragten so viele Leute nach, dass der ehemalige Ladenhüter x mal nachbestellt werden musste.
Er hat, durch seine Namensschöpfung, die Leute neugierig auf Neues gemacht und den Spruch "Was nicht kostet, taugt auch nichts" dazu benutzt um das Denken genau in die entgegengesetzte Richtung zu lenken --> "teuer gleich gut".. jetzt war das Instrument sowohl "neu" als auch "teuer".. und DAS wollen die meisten Käufer ja haben
Als Kaufmann brachte er so manch Einen mit seinen Sprüchen zum Nachdenken:
Zitat"Ein Kaufmann ist ein Mensch, der nicht NUR betrügt"
Bedeutung:
Bei jedem Verkauf ist etwas "Schönfärberei" dabei.. aber man sollte es nicht zum Standard machen.
"Rabatt, Rabatt, das lass dir sagen.. Rabatt wird VORHER draufgeschlagen"
Bedeutung:
Wenn du was vom Preis nachlassen willst, musst du es vorher schon zusätzlich kalkulieren.. denn vom Verschenken kann keine Firma existieren .. auch wenn es uns diverse Firmen immer weismachen wollen *zwinker*
In seiner Freizeit zeigte er mir dann noch "so ganz nebenbei", wie man einen Motor und Zündung einstellt.
Sein Lieblingsauto war eine "Ente" (Citroen 2CV). Diese war (wie ein Fahrschulwagen) mit einem Doppelpedal ausgerüstet, da er so nebenbei auch Fahrunterricht erteilte.
Er schwärmte davon, weil man eben wirklich alles selber machen konnte und weil es "genial einfach" konstruiert war.. und trotzdem all das erfüllte, was man damals von einem Auto verlangte.
Über sein sonstiges Leben ist mir nur noch bekannt, dass er oft für die AWO als "Kaffeehausmusiker"auf "Altentagen" gespielt hat. Dort spielte er Contrabass und Violine, was er trotz verlorenem Daumen zur vollsten Zufriedenheit aller Mitspieler und Zuhörer schaffte.
Er hatte eine verheiratete Tochter und wohnte damals im Ort Lichtenau-Holtheim.
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Immer wenn ich diverse Selbermachertipps niederschriebe, denke ich auch an Herrn Herbert Begerow und versuche mich auch zu erinnern, ob er nicht noch einen Rat zu dem Thema gegeben hatte, den man aufführen könnte.
Ich habe dieses niedergeschrieben, damit Herr Herbert Begerow aus Lichtenau-Holtheim auch nach seinem Tode noch die Anerkennung findet, die ihm ob seines vermittelten Wissens gebührt.
PS:
Ich habe schon seit einigen Jahren versucht, herauszufinden ob er eventuell noch leben könnte. Leider haben wir uns kennengelernt, bevor es das Internet gab. Er hat keine Spuren im Netz hinterlassen. Wenn er heute noch leben würde, müsste er rund 100 Jahre alt sein .. was relativ selten anzutreffen ist.